Posts mit dem Label Lebensmut werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Lebensmut werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 13. April 2013

Augen zu...

Ziemlich lange habe ich hier nichts mehr geschrieben.
Es ist allerdings auch wenig Neues passiert seit dem letzten Post.

Vielleicht war ich langsam übersättigt von der Krankheit und den Informationen, die ich in kurzer Zeit über sie zusammengetragen hatte. Das ganze Wissen um die Dinge, die noch bevorstehen (könnten), hat mich zunehmend beunruhigt. Also war irgendwann ein Punkt erreicht, an dem ich die Augen schließen und mich vom Bloggen, von den Internetforen, Ärzteseiten und Wikipedia abwenden musste, um nicht durchzudrehen. Das ständige Jammern über das eigene Schicksal will ja auf Dauer auch keiner hören. Und die Angst kann einen um den Schlaf bringen.

Erstmal NORMAL sein. Mich mit "Gesundem" beschäftigen. Gesünder werden.

Das hat sogar ganz gut geklappt. Die Blutwerte sind immer besser geworden, so dass eine baldige Transplantation nun erstmal unwahrscheinlich ist, so weit bin ich auf der Liste nach hinten gerutscht. Natürlich ist das Cortison mit seinen Nebenwirkungen ätzend - aber die kannte ich ohnehin von früher und allzu schlimm hat es mich damit auch nicht erwischt. Müde bin ich fast ständig. Und nicht gut belastbar. Das wird mir aber zum Glück verziehen.

Die Narben aus dem Krankenhaus sind jetzt - ein Jahr später - fast nicht mehr sichtbar. Die körperlichen jedenfalls.


Mittwoch, 12. September 2012

Nicht allein im Dunkeln.

Was Freundschaften betrifft, bin ich nicht sehr sentimental veranlagt. Ich sammle keine Poesie-Alben voller kitschiger Kalendersprüche über wahre Freunde und Seelenverwandte in Verbindung mit Sonnenuntergangs-Strand-Fotos. Um ganz ehrlich zu sein, finde ich sowas sogar ziemlich zum Kotzen. Wenn einer meiner Facebook-Freunde solchen Kram verlinkt, bin ich jedes Mal in Versuchung, die Freundschaft umgehend zu kündigen. Grund: Geschmacksverirrung!
Es erscheint mir auch nicht überlebenswichtig, meinen Freunden ständig und überall zu beteuern, wie außerordentlich froh und dankbar ich bin, dass es sie gibt. Ich vergesse einen Freund nicht, wenn er sich eine Weile nicht bei mir meldet. Ich möchte von Freundinnen nicht "Süße" oder "Schatzi" genannt und mit Küsschen begrüßt werden. Ich bin auch nicht gekränkt oder um eine Freundschaft besorgt, sobald man sich keine stündlichen Updates über Twitter, Facebook oder SMS zukommen lässt. Genausowenig behellige ich im Gegenzug die anderen mit Statusmeldungen über meine derzeitigen Schlaf-, Ess-, Einkaufs- oder sonstigen Lebensgewohnheiten.
Im Lauf der Jahre hat es sich also ergeben, dass ich mich hauptsächlich mit Menschen umgebe, die diesbezüglich ähnlich denken. Keine große Gefühlsduselei, einfach leben und leben lassen. Viele habe ich online kennengelernt, über gemeinsame Interessen und Hobbies: Menschen, denen ich auf der Straße oder am Arbeitsplatz womöglich nicht aufgefallen wäre und umgekehrt. Computerspieler, IT'ler, Studenten, schräge Vögel... Entgegen vieler Vorurteile stellten sich nur die wenigsten als Perverse oder Psychopathen heraus. Höchstens als Nerds. Gegen die habe ich nichts (wenngleich bei meinen Eltern vermutlich stets die Alarmglocken läuteten beim Thema "Freunde aus dem Internet"). Und obwohl ich bei einigen immer wusste, was ich an ihnen habe und es bei vielen anderen einfach hoffte - überraschte es mich dennoch, wie sehr meine Freunde in der jüngsten Vergangenheit für mich da waren und sind.
Schon an den ersten Tagen im Krankenhaus bekam ich viele Nachrichten von ihnen. Sie waren geschockt und traurig als sie von meiner Diagnose erfuhren, ließen sich meine neue Nummer geben und meldeten sich. Einige von ihnen fanden so ehrliche, liebe und mitfühlende Worte wie ich sie gar nicht von ihnen kannte oder erwartet hätte. "Wir" sind doch eher unterkühlt. Nüchtern. Un-emotional. Beherrscht. Cool.
Trotzdem heulte ich vor Freude, als ich merkte, dass sogar der "seltsame Viel-Telefonierer" trotz manch fieser Bemerkungen meinerseits einfach für mich da ist, selbst 3 Uhr nachts, wenn ich mich zu Tode langweile oder weine, weil ich mich verlassen und einsam fühle. Bessere Freunde kann ich mir kaum vorstellen.

Als ich 6 Jahre alt war, am Tag meiner Einschulung, saß ein Mädchen neben mir und fragte mich, ob ich eine beste Freundin habe. Ich sagte nein, also beschlossen wir, von nun an beste Freundinnen zu sein. Das sind wir bis heute.Wir waren beste Freundinnen, als wir uns in den nächsten vier Jahren fast täglich stritten. Wir waren beste Freundinnen, als sie wegzog und wir jahrelang nur Briefkontakt hatten. Wir waren auch dann noch beste Freundinnen, als wir beide in unserer Heimatstadt studierten und uns dennoch eher selten trafen. Wenn wir einander brauchten, hatten wir uns: Als ich einige Tage lang keinen Strom hatte, wohnte ich bei ihr. Bei Liebeskummer half stets unsere eigene Milchshake-Kreation aus Grundschultagen: Man nehme einen Liter Milch und mindestens drei verschiedene Sorten Kaba-Pulver. Gut durchmischen und zu zweit innerhalb einer halben Stunde austrinken. Bauchweh garantiert.
Wir sind nicht mehr die sorglosen Kinder von damals. Wir mussten vieles dazulernen und auch vieles ohne einander ertragen, die meisten unserer Wege alleine gehen. Aber jedesmal, wenn ich hinfalle und mich hundeelend fühle, weiß ich - sie ist noch da. Und manchmal werden wir wieder Kinder. Dann legen wir uns mitten auf befahrene Straßen. Und lassen bei Regenwetter Drachen steigen. Und lachen über Bundeswehr-Soldaten.
Ich hatte Angst, ihr zu erzählen, wie es mir geht. Als ich sie anrief, war ich total verheult und hatte einen Kloß im Hals. Meine eigenen Worte kamen mir unwirklich vor: "Ich brauche eine Transplantation, es sieht schlecht aus." Einige Tage später stand sie in der Tür meines Krankenhauszimmers, war hunderte Kilometer weit gefahren um für ein paar Stunden bei mir zu sein. Das ist so ziemlich die beste Freundschaft, die ich mir vorstellen kann.

Außerdem gibt es Freundschaften, die man kaum beschreiben kann. Bei denen der Übergang zwischen "Bekannten", "Freunden" und "Seelenverwandten" irgendwie längst verschwommen ist. Freundschaft, die wellenartig mal stärker und mal schwächer zu sein scheint. Die man nicht in Worte fassen kann und muss.

Diesen einen Freund kenne ich seit ungefähr acht Jahren. Über das Internet. Getroffen haben wir uns nie.
Ich konnte ihm immer mal von meinem Alltag erzählen, wie es mit dem Studium voranging, wie es mit "der Männerwelt" gerade lief, in welche Stadt ich nun gerade wieder umgezogen war. Erstaunlicherweise erinnerte er sich immer an diese Dinge und fragte ab und zu danach, wie es mir ging. Von sich selbst verriet er wenig. Ich kenne seine Stimme, weiß, dass er etwas älter ist, sein Dialekt verrät seine ursprüngliche Herkunft, aber er wohnt schon länger in der Hauptstadt. Sehr viel mehr wusste ich nicht von ihm. Keinen Namen, kein Bild, keinen Beruf - nichts "Persönliches". Und doch so vieles mehr. Wir verstehen uns gut, sind auf einer Wellenlänge. Einen guten Bekannten hätte ich ihn vor einiger Zeit noch genannt.
An einem der ersten Tage im Krankenhaus hatte ich einen verpassten Anruf auf dem Handy. Und eine Nachricht auf der Mailbox. Von ihm. Ich hörte sie kurz nach meiner Diagnose, als ich verwirrt im Patienten-Aufenthaltsraum saß. Von da an rief er oft an, obwohl wir vorher nie telefoniert hatten. Und ich erfuhr vieles: seinen Namen, wo er gerade war, dies und jenes aus seiner Vergangenheit... und nicht zuletzt: dass er schonmal in einer ähnlichen Situation war wie ich nun. Im gleichen Krankenhaus, auf der gleichen Station, bei den gleichen Ärzten. Oft sagte er mir, dass ich bis zum nächsten Anruf durchhalten und kämpfen muss - meistens genau dann, wenn ich dachte, mir geht die Kraft aus. Er gab mir Ratschläge, wie ich allein mit der Dunkelheit um mich herum fertig werden kann und half mir, nicht den Verstand zu verlieren. Eines Tages klopfte er dann persönlich an die Tür und stand da grinsend, mit Blumen. Kurz darauf, noch am gleichen Tag, durfte ich das Krankenhaus verlassen. Eine bessere Freundschaft kann ich mir nicht vorstellen.

Es heißt ja, Freunde seien die Familie, die man sich selbst aussucht. Das mag sein. Jedoch hätte ich mir einige meiner Verwandten gar nicht anders aussuchen wollen, weil sie schon Freunde sind. Eine bessere Schwester hätte ich kaum finden können. Da wir seit Jahren nicht mehr in der gleichen Stadt wohnen, verständigen wir uns oft über das Internet, kurze Anrufe oder SMS. Letztere beinhalten manchmal nur einzelne Worte oder einen Smiley - aber ich weiß trotzdem, was gemeint ist und wie es ihr gerade geht.
So auch eines Abends, als ich völlig gerädert von der Hitze und der Magenspiegelung in meinem Krankenzimmer vor mich hin schwitzte und vor Langeweile nichts anderes zu tun hatte als den Song-Contest in Baku zu schauen. Sie sah ihn auch - und brachte mich mit sarkastischen SMS-Kommentaren bei jedem Beitrag zum Lachen.
Als ich entlassen war, entdeckte ich auf ihrer Internetseite, dass sie in den Wochen zuvor viele traurige Lieder gehört und an mich gedacht hatte. Un-sentimental und cool wie ich bin, heulte ich mal wieder los. Eine bessere Schwester könnte ich mir nicht vorstellen.

Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, was meine Freunde mir bedeuten und wie sehr sie mir auf unterschiedliche Art geholfen haben. Dass sie mich nicht im Dunkeln allein gelassen haben. Wie bedankt man sich für so etwas? Vielleicht sollte ich ihnen doch ein kitschiges Sonnenuntergangs-Foto oder einen abgedroschenen Poesie-Album-Spruch schicken....

Montag, 10. September 2012

Nervös...?

Zur Zeit geht es mir gut.

Die Zahn-OP habe ich ohne größere Probleme überstanden. Die Nachwirkungen der Narkose verschwanden nach zwei Tagen und mir wurde nicht mehr schlecht. Die Schmerzen hielten sich zum Glück ebenfalls in Grenzen und auch die Antibiotika erfüllten ihren Zweck ohne schlimme Nebenwirkungen. Die paar Tage auf der Station waren sogar ganz unterhaltsam - meine Zimmernachbarinnen waren in meinem Alter und wir munterten uns gegenseitig auf. Da wir alle am gleichen Tag unsere OPs hatten, lagen wir am Abend jammernd in unseren Betten, bewaffnet mit riesigen Eisbeuteln für die geschwollenen Wangen - und mussten plötzlich über die absurde Situation lachen. Ich fühlte mich ans Ferienlager erinnert. Dann tat wieder irgendwas weh und wir jammerten weiter.

Aber jetzt geht es mir ja gut. Fast als wäre ich gesund. Nur ein bisschen müde nach zehn Minuten Fußweg. Nur ein bisschen k.o, aber gesund. Nur ein bisschen frustriert darüber, dass mir verdächtig viele Haare ausfallen. Vielleicht kann mir der Friseur da helfen, es könnte auch am psychischen Stress liegen...

Fast gesund bin ich. Ich werde oft gefragt, ob ich nervös sei. Oder ob ich friere. Meine Hände zittern ab und zu recht stark - besonders bei feinmotorischen Aufgaben wie eine Pinzette halten oder einen kleinen Schraubverschluss öffnen oder Kleingeld aus dem Portemonnaie suchen. Letzteres ist besonders charmant an der Supermarktkasse, wenn hinter einem die anderen Kunden warten, dass der vermeintliche Junkie seine letzten Cents zusammengekratzt hat. Ich würde vermutlich das gleiche über mich denken - die vielen blauen Flecken, die Einstiche an den Armen... Zum Glück haben die Berliner sowieso alles schon gesehen, die sagen da nichts.
Das Zittern ist wohl auch ein Symptom der hepatischen Enzephalopathie, aber ich versuche, mich deswegen nicht verrückt zu machen. Bin nur ein bisschen nervös. Und mir ist kalt.

Sonntag, 8. Juli 2012

Der Raucher.

Bei meinen "Ausflügen" innerhalb des Klinikgeländes gab es ein paar Patienten, die mir immer wieder begegneten. Einer von ihnen war der Raucher. Er gehörte wie ich auf die Gastro-Station und schien irgendeine Art Krebs zu haben. Jedenfalls sah ich den älteren, abgemagerten Mann oft, wie er sich und seinen Tropf mit letzter Kraft vor die Tür der Lobby schleppte - um dort dann genüsslich zu rauchen. Einmal hörte ich abends einen der Pfleger auf der Station laut schimpfen: "Sie können sich doch nicht hier drin eine Zigarette anstecken! Ihr Zimmernachbar ist an Sauerstoff angeschlossen!"
Nach einigen Tagen (als ich selbst wieder klar genug im Kopf war, andere Menschen wiederzuerkennen), nickte ich ihm im Vorbeigehen zu. Er nickte zurück. So machten wir das dann immer. Manchmal kam zum Nicken auch ein Lächeln dazu, je nach Tagesform.

Vor zwei Wochen musste ich wieder in die Klinik, zu meiner Lebersprechstunde, die im gleichen Gebäude ist wie die Station. Da saß der Raucher auf einer Bank. Diesmal sprach ich ihn an, wie es ihm denn gehe.
Gut, er werde bald entlassen, endlich. Ich winkte zum Abschied und er rauchte.

Freitag, 6. Juli 2012

Was du heute kannst...

Man schiebt ja gern so einiges vor sich her. Unangenehme Aufgaben vor allem. Da geht es mir nicht anders. Ganz oben auf meiner "Mach ich später"-Liste standen auch jahrelang Arztbesuche in jeglicher Form. Vor dem Zahnarzt hatte ich Panik, mein Hausarzt bekam mich nur zu Gesicht, wenn ich mal eine Überweisung, Krankschreibung oder ein Rezept brauchte - und Fachärzte aufzusuchen hielt ich weitestgehend für unnötig ("Ich hab ja nichts"). 
Trotzdem - irgendwie war dann doch manchmal das ungute Gefühl, vielleicht DOCH irgendetwas zu haben... Man liest und hört ja so vieles... Könnte diese leichte Übelkeit nach dem Essen womöglich von einem Magengeschwür kommen? Ist der Migräneanfall am Ende doch ein Gehirntumor? Und Zahnschmerzen hatte ich in den letzten Monaten ja schon manchmal. Oder, fast noch schlimmer: Bin ich jetzt schon so durchgeknallt, dass ich mal zum Psychologen muss?!

Nun habe ich innerhalb von zwei Wochen im Zuge meiner LTX Evaluierung einmal das komplette Programm hinter mir. Um sicherzustellen, dass mein Körper für eine Transplantation geeignet ist, wurde ich gewissermaßen einmal von Kopf bis Fuß untersucht - ob ich das nun wollte oder nicht, Augen zu und durch....
Um den Überblick zu behalten, welche Untersuchungen ich schon hinter mir habe und welche mich noch erwarten würden, bekam ich eine Liste. Während ich diese schrittweise abarbeitete, merkte ich, dass ich mich vor einigen Dingen völlig zu Unrecht gefürchtet hatte. Vor anderen zu Recht.

Der Urologe

Mein erster Gedanke: Was soll ich denn da, als Frau? Da gehen doch schon Männer ungern hin... Horrorszenarien schossen mir durch den Kopf - wer weiß, was der da alles untersuchen wollen könnte.
Also fragte ich den Doktor erstmal, was er denn bei mir feststellen solle. Er war zum Glück sehr nett und erklärte mir, dass er nur mal mit dem Ultraschall meine Nieren und Blase anschauen wird. Das war schnell erledigt, nichts auffälliges festzustellen - und ich hatte mal wieder etwas gelernt.

Röntgen

Einmal komplett durchstrahlen, bitte... Der Transporter-Typ stellte mich in der Röntgenabteilung ab, ich würde dann aufgerufen. Das dauerte allerdings ein bisschen, so dass ich aus lauter Langeweile auf eigene Faust die Funktionen meines Rollstuhls im leeren Wartezimmer testete. Als ich gerade im schönsten Geschwindigkeits-Rausch herumdüste, öffnete sich die Tür und die Schwester, eine lebendig gewordene Barbiepuppe mit starkem polnischen Akzent, rief mich herein.
"Hierhin stellen, so rum drehen, Arme rauf, Arme runter, andersrum hinstellen, einatmen, ausatmen, zack zack zack...". Am Schluss noch auf 3 Formularen unterschreiben, dass ich auch ja nicht schwanger sein könnte - fertig.
Von der Wirbelsäule bis zum Schädel, alles in Ordnung. Nachts im Bett bildete ich mir ein, nun schwach zu leuchten.

Magenspiegelung

 Oh Gott. Nach einigen Horror-Geschichten meiner Zimmernachbarin ("natürlich ohne Betäubung den Schlauch runterschlucken, Sie merken das dann alles...") zitterte ich vor mich hin, als die Ärzte hereinkamen. Der eine, so ein Blonder,  fragte nur "Sie haben wohl Angst? Sie merken doch gar nichts davon, Sie schlafen gleich". Dann unterhielt er sich weiter mit seinem Kollegen. Es gebe da jetzt so eine neue Brotsorte, völlig ohne Kohlenhydrate.
Als sie mir das Propofol injizierten, versuchte ich, ganz besonders nervös auszusehen. Vielleicht bekäme ich dann ja eine außergewöhnlich große Dosis, damit ich auch ja nicht mittendrin aufwache. Weshalb ich mir einbildete, das besser beurteilen zu können als ein Anästhesist, weiß ich auch nicht.
Als ich wieder zu mir kam, war tatsächlich alles schon vorbei. Bis auf ein leichtes Brennen im Hals und der Magengegend für ein paar Stunden spürte ich nichts weiter.
Ergebnis der Untersuchung: habe Krampfadern in Speiseröhre und Magen.

Darmspiegelung

OH GOTT!
Soll man ohnehin alle 10 Jahre mal machen lassen, vorsichtshalber. Hätte ich freiwillig aber nicht getan, wie vermutlich viele andere Menschen auch. Wer will sich das schon vorstellen? Ekelhaft! Um es vorwegzunehmen: Die Untersuchung selbst bekommt man überhaupt nicht mit und weh tut da auch nichts. Das schlimmste ist die Nacht vorher. Schon am Nachmittag sollte ich damit anfangen, 4Liter "Abführmittel" zu trinken, über den ganzen Abend verteilt. Der erste Liter ging auch noch ganz gut runter, das Zeug sah aus wie Wasser und roch nach Apfel-Zimt. Aber der Geschmack wurde von Glas zu Glas unerträglicher... und die Konsistenz: wie eine Art "dickflüssiges Wasser", so entsetzlich - es lässt sich kaum beschreiben. Kaum heruntergeschluckt hatte man auch direkt das Bedürfnis, das Zeug wieder auszukotzen.
Gegen Mitternacht hatte ich endlich die ganze Ladung geschafft und legte mich schlafen... um pünktlich 4Uhr wieder geweckt zu werden, ich solle nun nochmal 2 Liter trinken. Und wenn ich dann auf die Toilette müsse, solle ich doch bitte eine Schwester oder den Arzt holen, damit der dann kontrollieren kann, dass auch alles "clear" ist. Ich fühlte mich erniedrigt. Der letzte Liter Abführmittel kam dann auch direkt oben wieder raus.
Vielleicht machen sie das ja absichtlich: der Patient wird vor der Untersuchung so entkräftet, dass er willenlos alles über sich ergehen lässt. Ich lag dann auch ganz geduldig da, als der Anästhesist meine Arme nach einer brauchbaren Vene für die Narkose absuchte (gar nicht so leicht, da ich mit blauen Flecken und Schwellungen übersäht war). Dann schlief ich auch schon ein.
Nachdem ich alles überstanden hatte, beschloss ich dennoch, mir das frühestens in 10 Jahren wieder anzutun. Oder in 20. Wenn überhaupt. Sie haben ja nichts schlimmes gefunden.

Knochendichte-Messung

Ohje, was kommt denn da auf mich zu? Wird da womöglich in den Knochen gestochen oder etwas ähnlich Beängstigendes angestellt?
Nein. Es wurde lediglich ein kleiner Bereich meiner Hüftknochen mit sehr schwacher Röntgenstrahlung angeschaut. So schwach, dass die Schwestern und Ärzte während der Untersuchung nicht mal den Raum verlassen müssen.
Resultat: meine Knochen sind genau so, wie sie es in meinem Alter sein müssen.

Der HNO-Arzt

Das Gebäude, indem sich die HNO-Abteilung befindet, liegt genau gegenüber  "meiner" Station. Dennoch war ich überrascht, mich plötzlich in einer völlig anderen Welt wiederzufinden.Obwohl es lediglich darum ging, meine Nasen-Nebenhöhlen anzuschauen, wurde ich dermaßen fürsorglich von der netten Schwester und dem ebenfalls sehr netten Arzt umsorgt - da wäre ich glatt noch ein paar Stunden länger geblieben. Bestimmt hätten sie mir auch noch einen Cocktail mit Schirmchen gebracht, wenn ich darum gebeten hätte. Aber so dreist bin ich nicht. Und darf ja keinen Alkohol.

Der Zahnarzt

Ohje, der schimpft bestimmt... Mein letzter Zahnarztbesuch lag viel zu lang zurück, zwischenzeitlich hatte ich dann und wann mal Zahnschmerzen gehabt und diese ignoriert so gut es ging. Wer weiß, was der mir nun vorwerfen würde. Vielleicht müsste er sogar Zähne ziehen oder direkt mit dem Bohrer loslegen? Auf jeden Fall machte ich mich auf einen belehrenden Vortrag gefasst, als ich im Wartezimmer saß.
Der kam dann zwar auch - aber anders als erwartet. Schlimme Löcher seien da keine, sagte mir der Doc. Dennoch hält er meine Weisheitszähne für "nicht erhaltungswürdig" und empfahl mir, sie vor meiner Transplantation ziehen zu lassen. Drei Stück. Na klasse...
Später, mit einem neuen Organ und unterdrücktem Immunsystem sei ein solcher Eingriff viel zu riskant, also müsse man das rechtzeitig erledigen, damit die Zähne nicht noch zu einem Problem werden.
Dann gab er mir noch mit auf den Weg, wie wichtig es ist, seine Zähne gut zu pflegen und sich auch zum Zahnarzt zu trauen - gerade der Mundraum bietet an vielen Stellen Angriffspunkte für Infektionen. Ich müsse mir darüber im Klaren sein, dass ich mir viele Sorgen ersparen könne, wenn ich meine (bisher noch sehr guten) Zähne pflege und auf sie aufpasse.

Die Psychologin

Ein wenig wunderte es mich schon, dass ich zu einem so genannten Psychosomatik-Konsil sollte. Doch die Ärztin erklärte mir im Verlauf unseres Gespräches, weshalb: Natürlich müsse man bei Transplantationspatienten im Vorfeld klären, ob diese sich der Verantwortung bewusst seien, die ein neues Organ mit sich bringt. Man muss regelmäßig alle wichtigen Medikamente einnehmen und einige Einschränkungen im Alltag in Kauf nehmen, denen vielleicht nicht jeder Mensch gewachsen ist. Dies sei jedoch vor allem bei Alkoholikern oder Drogenabhängigen der Fall, die sich innerhalb kurzer Zeit auch eine neue Leber kaputt-trinken würden. Ich solle mir da keine Sorgen machen.
Gut.

Der Anästhesist

Ein sehr entspannter Mensch. Er versicherte mir, dass ich im Falle einer Operation absolut nichts mitbekommen würde. Als ich andeutete, dass mir vor allem die vielen Kanülen, Zugänge und womöglich künstliche Beatmung Angst machen, erklärte er mir, dass man bei einer solchen OP absolut alles unternehme, um dem Patienten Stress zu ersparen.
Soll heißen: Ich kann mir angstlösende Medikamente und starke Schmerzmittel geben lassen (zum Teil sogar selbst dosieren in den ersten Tagen nach dem Eingriff). Ordentlich zudröhnen und gut. Damit kann ich leben!

3D-CT mit Gefäßdarstellung, Lungenfunktionstest, Echo, EKG

Diese und noch ein paar andere Tests wurden nebenbei auch noch durchgeführt. Das sind so Dinge, von denen in (von mir sehr geliebten) Arzt-TV-Serien immer mal wieder die Rede ist. Und die für den Laien natürlich besonders beeindruckend klingen.
Alles überhaupt nicht beängstigend. Beim CT liegt man ein paar Minuten still und bekommt nach einer Weile ein Kontrastmittel, damit die Blutgefäße gut dargestellt werden können. In meinem Fall wurde das ganze sogar in 3D gemacht. Cool. Der Lungenfunktionstest war ebenfalls nicht mit Schmerzen verbunden: man pustet kräftig in ein Röhrchen hinein, ein paar mal gegen eine Art Luftwiderstand.
Ein "Echo" ist, wie ich nun weiß, eine Ultraschalluntersuchung des Herzens. Und für ein EKG werden lediglich am Körper einige Elektroden auf den Körper geklebt.
Nachdem ich all diese Untersuchungen auf meinem Zettelchen angekreuzt hatte, wusste ich: ich habe ein super Herz, super Lungen, super Gefäße. 


Aus diesem Untersuchungs-Marathon nehme ich doch so einige Erkenntnisse mit. Manchmal ist es dann doch die bessere Entscheidung, einfach mal zum Arzt zu gehen, wenn man ein ungutes Gefühl hat. Viele schlimme Dinge werden einem dort ja nicht angetan - und man muss nicht monatelang mit der Ungewissheit herumlaufen, dass vielleicht irgendetwas nicht in Ordnung sein könnte
Und was sind schon ein paar Nadelstiche für einige Sekunden im Tausch gegen die beruhigende Gewissheit, dass alles völlig in Ordnung ist...?



Mittwoch, 6. Juni 2012

Das muss doch zu schaffen sein.

Heute geht es mir ganz gut. Langsam habe ich ein besseres Verständnis dafür, wann und wie stark die Medikamente in meinem Körper wirken, mit welchen Nebenwirkungen ich zu rechnen habe und wie ich diese einigermaßen in den Griff bekommen kann. Gegen einiges bin ich relativ machtlos, klar.
Aber was mir in all der Zeit immer wieder auffiel: Sobald es mir psychisch besser geht, fühle ich mich auch körperlich stärker, ertrage Schmerzen leichter, bin optimistischer. In den letzten Tagen las und recherchierte ich viel, wälzte mich durch Zahlen, Statistiken, Lebenserwartungs-Prognosen, Erfahrungsberichte. Sehr deprimierend.

Na und?

Ich will doch leben, verdammt. Ich bin erst 27, die ganze Welt sollte mir noch offen stehen!
Und da standen eben auch, ganz am Rande, Worte wie: "Heilung", "unerklärlich", "ÜberlebensCHANCE", "es ist in seltenen Fällen schon vorgekommen, dass...". In all diesen Fällen scheint vor allem auch der Lebenswille der Patienten eine große Rolle gespielt zu haben. Die Kraft, an Besserung zu glauben und zu kämpfen.

Ich wäre gern so ein Fall.
Bisher scheint auch nicht alles verloren zu sein. Ein guter Freund, der in den letzten Wochen immer genau die richtigen Worte für mich fand, erzählte mir von seinem eigenen Kampf gegen eine schlimme Krankheit (wobei wir feststellten, dass er einige meiner jetzigen Ärzte auch schon kennt). Auch er kämpfte sich selbst wieder in sein Leben zurück. Es geht also, es ist nicht unschaffbar. Und ich bin nicht allein.

Nach dem eher schwachen Tag gestern zwang ich mich heute also, mich genau an alles zu halten, die Medizin zur rechten Zeit zu nehmen, egal ob mir davon schlecht wird oder nicht. Und ich zwang mich vor allem, daran zu glauben, dass alles besser wird.

Und mir wurde nicht schlecht.

Es wird alles besser werden.